Zurück zum Menschen - Empathie


 Immer wieder habe ich während meiner Betreuungen erlebt, dass die Uhren bei den zu pflegenden Menschen ganz anders ticken. Die einzige Möglichkeit, dies gut zu ertragen ist, die eigene Uhr zu Hause zu lassen und sich ganz auf deren Zeitrechnung einzustellen. Auf der Dorfstraße gibt es keine Überholspur, da können Sie sich nur hinter dem Traktor einordnen und ebenfalls langsam dahintuckern.

 

 

 

Sagen Sie einmal einem Menschen mit Demenz, dass sie um neun Uhr einen wichtigen Arzttermin haben und er sich jetzt beeilen müsse. Nichts wird passieren, das Ihnen dabei hilft, pünktlich zum Termin zu erscheinen. Wenn ich meinem eineinhalb Jahre jungen Sohn sage, dass wir gleich, so in 15 Minuten einkaufen gehen, was meinen Sie, wie der mich anschaut? In der Situation wissen wir aber, wie wir das angehen können, handeln intuitiv richtig. Entweder stehen wir früher auf, um alles, das wir beeinflussen können, eher fertig zu bekommen, damit wir uns um den Nachwuchs kümmern können, ohne dass es für ihn stressig wird. Oder wir akzeptieren die Tatsache, dass es mit Kind manchmal unmöglich ist, pünktlich zu sein. Warum gelingt uns das aber bei den Senioren so selten? Da ist es doch am Ende nicht wirklich anders. Wir brauchen dafür Empathie und die fällt uns bei kleinen, süßen Kindern leichter, als bei einem störrisch und engstirnig wirkenden Greis.

 

 

Was ist eigentlich Empathie? Wikipedia sagt dazu auszugsweise folgendes:

 

<<Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen gezählt, zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl.

Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung – je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer deuten.>> (Quelle:Wikipedia)

 

Besonders interessant sind dabei zwei Punkte:

 

1.   die Bereitschaft, andere zu verstehen und sich in sie hineinzuversetzen und

2.   zuerst offen für die eigenen Emotionen zu sein

 

Kommen wir zur Klärung der Frage, warum uns dieselben Dinge, die uns bei Kindern überhaupt nicht stören, bei Erwachsenen eher irritieren, wir diese sogar ablehnen und belächeln.

 

 

Es ist unter anderem das natürliche Gefühl, welches wir bei kleinen, süßen Kindern automatisch haben. Wir finden sie einfach entzückend. Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass wir Entwicklung lieben, Rückschritt jedoch verabscheuen. Die Mutter, die bisher eine starke Frau gewesen ist, alles im Griff zu haben schien und sich selbst keine Schwäche eingestand, ist auf einmal nicht mal mehr dazu in der Lage, richtig zu essen, sie spielt sogar damit, nimmt alles in die Hand. Körperhygiene, die ihr bisher immer enorm wichtig gewesen ist, vernachlässigt sie. Wenn es darum geht, dass sie duschen soll, sträubt sie sich schon. Wie finden Sie das? Niedlich ganz sicher nicht.

 

Leben ist Veränderung, das sollten wir immer vor Augen haben. Was heute ist, muss morgen nicht mehr sein. Genau das hat heute ein Gärtner gesagt, als ich ihn fragte, was er an seinem Garten so liebe. Er antwortete: „Ich liebe die ständige Veränderung, immer wieder sieht der Garten anders aus. So ist es auch im Leben. Ich sollte die Veränderungen annehmen und stets dranbleiben, nicht stagnieren.“

 

Uns Menschen fällt es so schwer, im Hier und Jetzt zu sein. Entweder schwelgen wir in Erinnerungen oder wir denken ständig an die Zukunft. Der Begriff „lebe den Moment“ scheint eine Dummheit der Jugend zu sein. Aber genau das ist das Rezept für Empathie. Man muss den Augenblick annehmen, ihn willkommen heißen. Akzeptieren Sie den veränderten Angehörigen, der nicht mehr der „Norm“ entsprechen möchte, sagen Sie, so wie er ist, so ist er richtig. Er kennt es nicht anders, muss doch auch damit umgehen lernen.

 

Sobald wir etwas annehmen, es bejahen, können wir damit auch besser umgehen. Lehnen Sie den Menschen ständig ab, sagen, früher war er doch so fröhlich und unternehmungslustig, dann werden Sie immer Probleme damit haben, sich mit der Person richtig zu verstehen. Sie werden sich ärgern und den Menschen sogar gelegentlich innerlich verabscheuen.

 

Machen Sie doch einmal eine Übung, nur für sich selbst! Stellen Sie sich etwas vor, das Sie gerade sehr belastet -  eine unerwartet hohe Nachzahlung an das Finanzamt oder eine beunruhigende medizinische Diagnose. Wenn Sie nun im Geiste vor diese Ereignisse oder Gedanken ein großes „JA“ schreiben und es danach auch aussprechen, wird sich etwas in Ihnen verändern. Sagen Sie: „Ja, das Finanzamt hat festgestellt, dass ich noch viel erfolgreicher war, als gedacht. Ich werde hierfür eine Lösung finden und nehme diese Herausforderung an.“ „Danke, dass ich Steuern bezahlen darf, weil es bedeutet, dass ich auch etwas verdient habe.“ Oder sagen Sie: „Ja, ich bin ein Mensch, ja, ich habe Angst, ja, ich will leben. Eine Krankheit kann mich daran nicht hindern, das Leben jetzt zu genießen. Ich kann es nicht ändern, wenn es so ist, was mache ich mir also Sorgen? Ja zum Leben, danke, dass Ärzte erkennen können, was mit mir los ist. Ja, ich akzeptiere, was auch immer ist und werde es in mein Leben aufnehmen.“

 

Es geht nicht darum, hier irgendwas schön zu reden, keinesfalls. Es geht nur darum, es anzunehmen und zu bejahen. Gegen etwas anzukämpfen, was nicht zu ändern ist, ist vollkommen sinnlos, ähnlich, als wolle man ständig mit dem Kopf durch die Wand laufen. Das tut nur weh, hilft aber nicht. Sparen Sie sich die Energie für schönere Dinge auf.

 

Kürzlich sah ich einen Bericht im Fernsehen über die besten Nationaltorhüter Deutschlands. Toni Schuhmacher zeigte dabei seine Hände, an denen so ziemlich alle Finger mehrmals gebrochen waren und die ziemlich schief aussahen. Er zuckte nur mit den Schultern und sagte: „Wenn ich mir einen Finger im Spiel brach, habe ich weitergemacht, ich hatte ja noch neun weitere, unversehrte Finger zur Verfügung.“ Klingt sicher etwas verrückt, jedoch kann man das auch ein Stück weit nachvollziehen, denn in einem solchen Spiel ist so viel Adrenalin im Blut, dass die Schmerzen im Gehirn gar nicht wahrgenommen werden. Wenn man den Fokus von der kranken Stelle wegnimmt, kann man alles ganz normal fortführen. Man hat doch immer noch viel mehr Stärken als dieses eine kleine Handicap. (...)